Die liebe Privatkopie – bald verboten?

Die Idee, Künstlerinnen über das Urheberrecht für ihre Werke zu vergüten, beruht auf der Einstufung immaterieller Güter wie z.B. der Idee für einen Song als „im Überfluss vorhanden“ (Ubiquitätsprinzip). Anders als „knappe Güter“ wie z.B. Schuhe oder Smartphones wären immaterielle Güter, z.B. Ideen zu Songs oder Filmen also auf dem freien Markt gratis. Das Urheberrecht führt eine künstliche Verknappung dieser immateriellen Güter herbei, um künstlerisches Schaffen finanziell attraktiver zu machen. Nun war diese Verknappung niemals künstlicher als im Zeitalter des omnipräsenten World Wide Web, welches Gerd Leonhard als in seinem Plädoyer für eine Musik-Flatrate in der Schweiz  als „gigantische Kopiermaschine“ bezeichnet. Doch das war nicht immer so. Bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war es Kunst- und LiteraturliebhaberInnen gar nicht möglich, gegen Urheberrechte zu verstossen: Ihre Möglichkeiten, Werke zu rezipieren, beschränkten sich darauf, ins Theater oder ins Kino zu gehen, Bücher zu lesen und Radio oder Schallplatten zu hören. Erst durch die Verbreitung der Musikkassette hatten private NutzerInnen erstmals die Möglichkeit, urheberrechtlich geschützte Werke zu kopieren. Es folgten Kopiergeräte, Videokassetten CD-Brenner, die im Laufe von ein paar Jahrzehnten ihren Einzug in die Haushalte hielten.

Damit begann das Urheberrecht, das jahrhundertelang nur an juristisch versierte Fachleute adressiert war, auf einmal Privatpersonen zu betreffen. Dieses Problem konnte zunächst umgangen werden, indem ins Urheberrechtsgesetz die Schranke des Eigengebrauchs eingebaut wurde (Art. 19 URG). Eine Verwertung der kopierten Werke konnte trotzdem gewährleistet werden dank der sogenannten Leerträgervergütung: Die Hersteller von z.B. Musik- und Videokassetten geben via Verwertungsgesellschaften einen Teil des Verkaufspreises an die Urheberinnen weiter. Dies ist in Art. 20 URG geregelt. So mussten Privatpersonen sich trotz Kopiermöglichkeiten nicht mit dem Urheberrecht auseinandersetzen – bis zur rasanten Durchdringung unseres Alltags durch das Internet. Auf einmal wurde es privaten Kunstgeniesserinnen nicht nur möglich, Werke zu kopieren, sondern auch, sie mittels Upload und Filesharing mit der gesamten Web-Community zu teilen. Inzwischen ist es gar nicht mehr nötig, Werke zu kopieren, weil wir durch die mobilen Endgeräte mit Internetzugang und deren erhöhte Rechenleistung  von überall aus auf die Cloud zugreifen können. Das Problem bleibt jedoch bestehen: Es kann nicht von Privatpersonen verlangt werden, dass sie das für Fachleute konzipierte Urheberrecht überblicken und freiwillig auf einen Grossteil ihrer technischen Möglichkeiten verzichten (vgl. Kreutzer 2012, S. 700-701).

Nach Schweizer Gesetz sind private Kopien weiterhin erlaubt und werden, selbst wenn sie aus einer das Urheberrecht verletzenden Quelle stammen, nicht strafrechtlich verfolgt. Doch dies könnte sich bald ändern. Am 5. März 2013 hat die FDP die parlamentarische Initiative „Schluss mit der ungerechten Abgabe auf leeren Datenträgern“ eingereicht. Auf der Website von Suisseculture, der Dachverband der Schweizer Verwertungsgesellschaften, kann ein Brief an den Nationalrat unterzeichnet werden, in dem sich Schweizer Kulturschaffende vehement dagegen wehren. Mit der Aufhebung der Leerträgervergütung würden nicht nur massive Einnahmen der Kulturschaffenden wegbrechen. Eine Kriminalisierung der Privatkopie wäre die nächste zwingende Konsequenz, da eine Kopie ohne Vergütung ein Diebstahl geistigen Eigentums ist.

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s