Die Musikflatrate – ein Vorschlag von Futurist Gerd Leonhard

Am 1. Juni 2012 hat der in Arlesheim (BL) lebende Autor und Futurist Gerd Leonhard einen offenen Brief an die Schweizer Musikschaffenden, die Schweizer Musikindustrie und den Bundesrat eingereicht. Darin macht er sich für die Einführung einer sogenannten Musikflatrate in der Schweiz stark. Diese würde so funktionieren, dass Internet Service Provider einen Franken pro Woche pro NutzerIn an die SUISA zahlen, damit die AbonentInnen im Gegenzug Musik im Netz konsumieren dürfen, soviel sie wollen. Damit wären auch Downloads von widerrechtlich hochgeladenen Musikstücken abgedeckt. Das Geld würde von der SUISA an die Musikschaffenden verteilt, die somit am Gratis-Musikkonsum der Onliner beteiligt würden.

Der Vorschlag ist eine Reaktion auf den massiven Rückgang der Einnahmen im Musikgeschäft. Wurden 2004 von den Mitliedern der IFPI Schweiz noch 231 Mio. CHF mit Tonträger-Verkäufen umgesetzt, waren es 2013 nur noch 53.7 Mio. CHF. Dazu kommen 38.6 Mio. CHF für den digitalen Musikmarkt, der gegenüber 2012 um 2% gewachsen ist. Insgesamt ist der Umsatz gegenüber dem Vorjahr jedoch um 12% gesunken, gegenüber 2004 gar um rund 77% (Umsatzzahlen IFPI Schweiz). Wie Kreutzer 2012 (S. 701) bemerkt, ist „annähernd jeder kreative Inhalt […] im Internet auch kostenlos zu bekommen“ und das Bezahlen für „Kopien von Musik […] heute ein mehr oder weniger freiwilliger Akt“. Diese Ausgangslage schreit nach neuen Vergütungsmodellen, die die Musikschaffenden am Erfolg der Online-Musikplattformen teilhaben lässt.

Hier knüpft Gerd Leonhards Modell der Musikflatrate an. Seiner Meinung nach beruht der massive Einbruch bei den Einnahmen auf einem Versagen des Schweizer (und weltweiten) Musikmarktes im digitalen Bereich (vgl. Leonhard 2012, S. 2). Es hat für ihn keine Zukunft, and den „veralteten Vertriebsmodelle und vollkommen überholten Preis- und Vertriebsstrukturen der traditionellen Musikindustrie“ festzuhalten und diese mit Hilfe von Anti-Piraterie-Abkommen zu bekämpfen. Die Zukunft sieht er im „Zugang-Anbieten“ statt wie bisher im „Kopien-Verkaufen“ (vgl. ebenda). Beim Musik zur Verfügung stellen mit Upselling-Strategie – das heisst, von gratis zu Premium – sieht er ein grosses Marktpotential. Der Anreiz, für Musikdienste zu bezahlen, bestehe nicht mehr in den Inhalten, sondern in den informationellen Mehrwerten darum herum, welcher die Anbieter bereitstellen, „z.B. mobile Applications, Empfehlungen […],Verknüpfungen und Integration mit den sozialen Netzwerken, Design und Interface, etc.“ (Leonhard 2012, S. 5). Die Einnahmen der UrheberInnen würden wieder steigen, und die KonsumentInnen würden entkriminalisiert (Leonhard 2012, S. 6).

Gerd Leonhards Vorschlag wurde am 28. November 2012 in einer Podiumsdiskussion in der Roten Fabrik in Zürich diskutiert. Fabian Niggemeier von der SUISA hielt Leonhard entgegen, dass der gemeinsame Tarif der SUISA die Idee einer solchen Musikflatrate im offline-Bereich bereits umsetze. Die Idee eines „one-stop-shops“, der den Online-Bereich mit einbezieht, sei jedoch zu begrüssen. Anders als Leonhard beurteilt Niggemeier den digitalen Musikmarkt als funktionierend, auch wenn er sich langsam entwickle: in 7 Jahren seien 3000% Wachstum erzielt worden. Ein wichtiger Punkt, auf den Niggemeier aufmerksam machte, ist das Kartellrecht: Leonhard schlug vor, z.B. Spotify als Anbieter mit in das Modell Kulturflatrate miteinzubeziehen (vgl. Leonhard 2012, S. 6). Das wäre wettbewerbsrechtlich problematisch. Auch müsste der Tarif auf dem effektiven Nutzen beruhen, damit NutzerInnen, die vom Musikangebot keinen Gebrauch machen, nicht bezahlen müssen.

Anderthalb Jahre später scheint die Musikflatrate als Lösung für den eingebrochenen Schweizer Musikmarkt vorerst vom Tisch zu sein. Das Problem der fehlenden Einnahmen der Musikschaffenden bleibt jedoch.

 

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